Branche

Akquisition mit V8-Charme

Sonst stehen Zahlen und Wachstumsraten oder Investitions-Budgets bei der Pressekonferenz der Simba Dickie Group kurz vor der Spielwarenmesse im Mittelpunkt des Interesses. Doch diesmal kam alles ganz anders: Die Akquisition von Jada Toys ist ein Paukenschlag und steht für den Aufbruch zu neuen Ufern.

Die Helden aus „Ryans World“ (oben) sind bei Jada Toys Thema

Einerseits ist die Simba Dickie Group als universeller Spielzeug-Player so global aufgestellt wie kaum ein anderes Unternehmen zwischen Aachen und Zwickau in dieser Branche. Andererseits hatten sich die hauseigenen Strategen aber in den Vereinigten Staaten bisher eine gewisse Zurückhaltung auferlegt – ausgerechnet im größten Spielzeugmarkt der Welt. Noch im letzten Jahr äußerte sich Michael Sieber mit dem Tenor: „Das hat im Moment keine erste Priorität.“ Diese Einschätzung hat sich offenbar grundlegend geändert. Jada Toys – Experten schätzen die Kalifornier auf einen hohen zweistelligen Millionenumsatz in Dollar pro Jahr – ist ein großer Brocken und in den Staaten im Die-Cast-Geschäft das, was die Amerikaner gerne ein „Powerhouse“ nennen. Jada Toys war bisher im Familienbesitz der Ehepaars Jack und May Li und unterhält ein Office in Hongkong auf Kowloon. Das erste Produkt war übrigens ein Chevrolet Pick-up von 1953 im Maßstab 1:24. Jada bewegte sich bisher vorwiegend in den Märkten Europa, Russland, Südafrika, Pazifik und Lateinamerika.

Die Kunden der erst im Jahr 1999 gegründeten Firma sind jung und die Lizenzen, die Jada Toys vorwiegend auf vier und mehr Rädern vermarktet hat, interessant: Die Film-Serie „Fast & Furious“ gehört ebenso dazu wie „Jurassic World“. Und seit 2015 geben die Macher aus der City of Industry mit Lizenzen der Filmproduzenten Universal, Disney, Marvel und DC mächtig Gas. Das Imperium der passenden Dienstwagen reicht also von Batman bis Spiderman und von Wonder-Woman bis Iron Man. Und: Das Unternehmen von der Hatcher Avenue 938 besitzt mittlerweile mehrere Standbeine, die clever austariert sind. Zum einen drehen sich die Geschäfte der Automodell-Spezialisten um schrille Verkleinerungen aus Zinkdruckguss, zum anderen ist die Firma aber auch schon ganz früh in das Thema RC-Modelle, also funkferngesteuerte Miniaturen, eingestiegen. Und: Seit sich die Amerikaner verstärkt mit den Helden diverser Filmstudios en miniature beschäftigen, stehen natürlich auch Figuren im wahrsten Sinne des Wortes im Rampenlicht. Hollywood liegt ja nur den sprichwörtlichen Steinwurf entfernt. Zudem betreiben sie auf YouTube das Format „Ryans World“. Ein siebenjähriger Dreikäsehoch mutierte in den Staaten zum Top-Influencer. Er soll nun mit der Power von Simba Dickie eine eigene Toy-Collection bekommen.
Schon bisher hat sich die Simba Dickie Group erfolgreich als Dirigent von mehr Marken etabliert, als eine Fußballmannschaft Spieler auf dem Platz hat. Jada Toys könnte ein sehr interessanter neuer Mosaik-stein in der Strategie der Fürther werden. Im Fußball nennen die Experten einen solchen Neuzugang jedenfalls eine Verstärkung. Denn wann immer die Fürther in den letzten Jahren eine neue Marke übernahmen, zeigte deren Umsatzentwicklung stets schon wenig später nach oben. Da sollte auch Jada Toys schon bald einen Gang höher schalten. Michael Sieber zur Akquisition: „Wir haben das sehr intensiv und auch kontrovers diskutiert. Ich bin aber der Überzeugung, dass uns dies auf dem US-Markt interessante Perspektiven eröffnet. Wir dürfen den größten Spielzeugmarkt der Welt in unseren Strategien nicht vergessen.“

 

Corolle hat schon mit einem zweistelligen Millionenbetrag zum Gesamtumsatz beigetragen

Michael Sieber, CEO Simba Dickie Group / Uwe Weiler, COO Simba Dickie Group / Manfred Duschl, CFO Simba Dickie Group

Mit dem Smoby Friends-Haus erzielte die Simba Dickie Group 2018 den höchsten Umsatz

Schwierige Zeiten

Wer die drei Führungspersönlichkeiten bei den Fürthern – Michael Sieber, Uwe Weiler und Manfred Duschl – kennt, der weiß aber auch, dass sie eine solche Mega-Hochzeit nicht daran hindern kann, ihre alltäglichen Hausaufgaben mit derselben Leidenschaft anzugehen. Und die waren 2018 eher schwierig. Der konsolidierte Gesamtumsatz ging auf 616 Millionen Euro zurück. Das entspricht einem Minus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr und 7,8 Prozent gegenüber den eigenen Planungen. Allein die Umstellung von einer Tochtergesellschaft auf einen Vertriebspartner im schwierigen russischen Markt ließ den Umsatz schon einmal wegen der notwendigen Bereinigungen um 20 Millionen Euro schrumpfen. Die Simba-Gruppe mit Big und Noris blieb stabil bei 181 Millionen Euro (Vorjahr: 180,2 Millionen Euro). Die Dickie-Gruppe musste dagegen einen Rückgang von 4,3 Prozent auf 104,3 Millionen Euro hinnehmen, was vor allem in Zusammenhang mit der Insolvenz von Toys ‘R‘ Us steht. Smoby traf es härter. Hier ging der Umsatz von 119,4 auf 96,8 Millionen Euro zurück. In Frankreich kam neben der Insolvenz von Toys ‘R‘ Us noch die der dort beheimateten Ludendo-Gruppe hinzu. Die konsolidierten Umsätze der Tochtergesellschaften summieren sich auf 233,7 Millionen Euro, ein Minus von 1,1 Prozent. Der Anteil der Auslandsumsätze in der Gruppe blieb konstant bei 75 Prozent. Die Simba Dickie Group beschäftigt weltweit 2.940 Mitarbeiter (Vorjahr: 2.950).
CFO Manfred Duschl zu den Aussichten: „Gerade auf der Vertriebsseite erwarte ich 2019 noch weitere Überraschungen, und die müssen nicht unbedingt positiv ausfallen. Wir werden aber gerüstet sein.“ CEO Michael Sieber ergänzt: „Die Schnelligkeit dieser Entwicklungen in so kurzer Zeit habe ich bisher noch nicht erlebt.“
Worum geht es? Vor allem um das internationale Sterben großer Filialisten, deren Vertriebspower dann natürlich erst einmal fehlt, um die über 4.000 Produkte des Spielzeugherstellers in die Märkte zu bringen. Die Liste ist lang und umfasst Traditionsnamen. Neben Toys ‘R‘ Us und der französischen Ludendo-Gruppe strichen auch die Blokker-Gruppe aus Holland und die für die skandinavischen Märkte sehr bedeutsame Firma Top Toys aus Dänemark die Segel.

Umfangreiche Investitionen

Faszinierend ist einmal mehr, wie die Fürther darauf reagieren: mit einem Investitionsprogramm, das über Jada Toys weit hinausgeht. Und Simba Dickie widersteht einmal mehr der Versuchung, sich Umsätze zu kaufen. Michael Sieber: „Wir fokussieren uns weiterhin auf qualitative und nachhaltige Umsätze. Dazu sehe ich keine
Alternative.“
Und dafür wird in einem Gesamtvolumen von 80 Millionen Euro investiert. Alle jammern über den drohenden Brexit, Simba Dickie powert in Großbritannien ganz besonders. COO Uwe Weiler: „Wir sind dort in den Top Twenty und wollen in die Top Ten. Großbritannien ist der größte Spielzeugeinzelmarkt in Europa, und wir sehen dort noch Potenzial. Wir sind davon überzeugt, dass der Brexit die Binnennachfrage eher geringfügig verändern wird.“ Deshalb gründen die Fürther neben der bereits vorhandenen Simba Smoby UK noch die Siso Toys UK in London, um mehr Vertriebs- und Marketingpower auf der Insel zu haben. Weitere Investitionsvorhaben 2018 waren: 15 Millionen für neue Maschinen und Anlagen, die Integration einer Gesellschaft für die Verpackungsgestaltung mit acht Mitarbeitern, der Einstieg ins Entertainmentgeschäft mit einer Beteiligung an Animaccord, der auch mit ersten Videos für „Chi-Chi-Love“-Artikel Früchte trägt, der Erwerb des französischen Puppenherstellers Corolle SAS, der schon einen zweistelligen Millionenbetrag in Euro zum Gesamtumsatz beitrug, und die Beteiligung an der Schweizer Spielwarenfachhandelskette Carl Weber. Michael Sieber: „Letzteres Engagement bedeutet keinen Strategiewechsel. Wir wollen nicht Vertreiber werden, sondern mit dieser Aktivität unsere Position auf dem eidgenössischen Markt sichern.“
2019 geht es weiter: Das Hochregallager in Sonneberg erhält 13.200 Quadratmeter zusätzliche Palettenplätze und eine Erweiterung des automatischen Kleinteile-lagers, das macht zusammen 15 Millionen Euro. Die Musterzimmer erweitert die
Simba-Dickie-Gruppe um 600 Quadratmeter, dazu kommt noch die SAP-Anbindung der Tochtergesellschaften in Indien und Middle East. Damit sollten die Spielwaren-Experten aus der Werkstraße in Fürth gut gerüstet sein für die Herausforderungen der Zukunft. Und die sind wohl, siehe Zollstreit und Brexit, grenzenlos – im wahrsten Sinne des Wortes.

Florian Sieber, Co-CEO der Simba Dickie Group und geschäftsführender Gesellschafter Märklin

Steuert die Traditionsmarke Märklin auf goldene Zeiten zu?

Mit Volldampf voraus

Auch der Modelleisenbahnhersteller Märklin legt 2019 kräftig Kohlen nach. Der Umsatz der Traditionsfirma, die dieses Jahr 160 Jahre jung wird, wuchs um vier Millionen Euro auf 112 Millionen. In einer Weihnachtsaktion ließen sich fast tausend vorwiegend neue Kunden bei den Göppingern registrieren und für die Modelleisenbahn gewinnen. Dabei half auch der „Jim Knopf“-Film mit der Lokomotive Emma, die Märklin bekanntlich verkleinerte. Florian Sieber, geschäftsführender Gesellschafter bei Märklin und Co-CEO der Simba Dickie Group: „Wir haben im Rahmen der Sonderaktion rund 10.000 Startersets zum Thema ,Jim Knopf‘ verkauft und damit neue Kunden gewonnen, die Märklin hoffentlich ganz besonders lange treu bleiben werden.“ Die Lok Emma wird es übrigens bald auch für die große Gartenbahn von LGB geben, verspricht Sieber. Die Fortsetzung des Films folgt 2020. 2018 investierten die Schwaben in neue Digitaldrucker, CNC-Bohr- und Fräsmaschinen sowie einen Kabelautomaten für das Werk im ungarischen Gjör und den nächsten Bauabschnitt des „märklineums“. Noch einmal Florian Sieber: „Wir hätten 2018 sicherlich noch mehr produzieren können, stoßen in Gjör aber von der Manpower her an Grenzen. Deshalb ist es eine der Prioritäten, dort die Personaldecke qualifiziert zu erweitern.“ Die Aktivitäten um den Ausbau des „märklineums“ passen natürlich gut zum 160. Geburtstag der legendären Marke aus Göppingen. Die Schwaben investieren rund 11,3 Millionen in ihre Erlebniswelt. Da fügt es sich auch ins Bild, dass Märklin auf dem Messestand in Nürnberg ein goldenes Krokodil in 1:87 zeigte. Die legendäre E-Lokomotive zog vor genau 100 Jahren erstmals Güterzüge auf den Gotthard. Und vielleicht brechen für die Traditionsmarke goldene Zeiten an.

 Andreas A. Berse

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