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Fokus Eco

Bio ist kein Schlagwort!

Die Bio-Welle rollt – nicht nur bei Nahrungsmitteln, sondern in allen Bereichen des täglichen Lebens. Und weil nicht alles Bio ist, wo Bio draufsteht, bewegen sich relevante Konzepte zwischen Hype, Zukunftslösung und, im worst case, Greenwashing. Aufklärung tut not. Nachhaltigkeit muss auf allen Ebenen eine zentrale Rolle spielen. Die zweite bio!TOY-Konferenz widmete sich denn auch dem Thema „Zirkuläres Wirtschaften wird zum Trend“.

Die Teilnehmerliste der zweiten bio!TOY Konferenz las sich wie das Who-is-Who der Branche: Auf dem Podium bezogen die Top 3 der Branche, Lego, Hasbro und Mattel, Stellung. Unabdingbar für ein zukünftig nachhaltigeres Spielzeugdesign stehen die Recyclingfähigkeit und der Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen sowie rezyklierten Kunststoffen ganz oben auf der To-do-Liste der Spielwarenindustrie. Auf der Konferenz konnten Rohstoff- und Werkstoffhersteller in direktem Austausch die Liefermöglichkeiten sowie die Auswirkungen auf Langlebig- und Recyclingfähigkeit erklären. Vor diesem Hintergrund spiegelte die zweite Ausgabe der vom bioplastics Magazine und der Innovationsberatung Dr. Käb veranstalteten bio!TOY Konferenz das hohe Interesse der Branche an nachhaltiger Produktion und Kreislaufschluss. Eine wachsende Dynamik im Wettbewerb um biobasierte und hochwertige rezyklierte Kunststoffe verschaffen dem Thema eine steigende Brisanz.
Die Konferenz wurde vom DVSI und der Spielwarenmesse unterstützt. Beide wiesen auf die wachsende Bedeutung der vorgestellten und diskutierten Lösungsansätze sowie auf eigene Aktivitäten hin. Die Veranstalter wollen voraussichtlich im März 2023 die nächste bio!TOY Konferenz durchführen und im Zuge dessen über die Fortschritte informieren.
Sibylle Dorndorf sprach im Nachgang der bio!TOY Konferenz mit dem Chemiker und Innovationsberater Dr. Harald Käb über herkömmliche und biobasierte Werkstoffe und den Status Quo der Branche.

Herr Dr. Käb, ich gehöre zur „Generation Plastik“. In meiner Jugend war Kunststoffspielzeug cool und die Alternative zu den eher bieder anmutenden Holzspielwaren. Das hat sich komplett gewandelt. Heute ist Holzspielzeug angesagter denn je und Kunststoff steht in der Kritik und im Fokus nachhaltiger Betrachtung. Was sind aus Ihrem persönlichen Erfahrungshintergrund als Chemiker die herausragenden Eigenschaften von Kunststoff als Werkstoff und warum hat sich Kunststoff so etabliert?
Kunststoffe haben vor vielen Jahrzehnten weltweit einen kontinuierlichen Aufstieg erlebt, denn Kunststoffe sind sehr vielseitige Materialien mit einem sehr hohen Funktionalitätsangebot. Man kann Kunststoffe fast überall einsetzen und das hat man auch getan …

Kunststoff bekam dann aber unter dem Begriff„Plastik“ einen eher billigen Touch…
Das stimmt. Gerade bei Spielzeug gab es eine Zeit, da war Plastikspielzeug verpönt. Wobei es auch sehr hochwertige Kunststoffe gibt, die eine sehr schöne Haptik haben und sehr wertig wirken. Ob ein Spielzeug oder ein Gegenstand aus Kunststoff billig wirkt oder teuer, das hängt vor allem vom Design und den verwendeten Materialien ab.

Was ist, provokant gefragt, dann eigentlich das Problem bei der Verarbeitung oder dem Einsatz von Kunststoffen?
Das ist zum einen die Kreislaufwirtschaft, hier haben wir noch viel zu wenig Effizienz und gute Lösungen. Und zum anderen die Rohstoffbasis von Kunststoffen. Wir müssen weg von der üblicherweise aus fossilen Rohstoffen hergestellten Neuware hin zu biobasierten und recycelten Kunststoffen mit geringerem CO2-Ausstoß.

Wo entsteht mehr CO2, bei der Herstellung oder der Entsorgung, beziehungsweise dem Recycling?
Ganz klar bei der Herstellung. Hier wird der Kohlenstoff-Fußabdruck festgelegt. Setzt man zum Beispiel Rezyklate als Ersatz von Neuware ein, dann lässt sich zirka 50 Prozent CO2 einsparen.

Chemiker und Innovationsberater Dr. Harald Käb

Wir müssen weg von den aus fossilen Rohstoffen hergestellten Kunststoffen

Unsere Unternehmen müssen beim Einsatz von Material immer auf das Thema Sicherheit achten. Auf Stabilität und Festigkeit. Ist Spielware aus recyceltem Kunststoff eine Alternative für die Zukunft?
So einfach kann man das nicht sagen. Generell steht der Einsatz von Rezyklaten für Spielwaren noch ganz am Anfang. Außer bei Rezyklaten aus dem PET-Flaschenrecycling und der Verwendung der eigenen industriellen Produktionsabfälle hat man bisher wenig Optionen. Rezyklate aus dem mechanischen Recycling haben oft andere Produkteigenschaften, das betrifft zum Beispiel auch den unerwünschten Geruch oder undefinierte Farben. Eines kann man sagen: Es entstehen ganz klar neue Herausforderungen bei der Spielzeugsicherheit. Spielzeug aus Rezyklaten gut hinzubekommen wäre im Judo vergleichbar mit dem schwarzen Dan-Gürtel.

In der Werbung wird Kunststoffspielzeug als „unkaputtbar“ beschrieben – ist das heute auch noch gut?
Kunststoffe wie wir sie kennen, sind abwaschbar, haltbar, stabil, das hat schon was. Aber irgendwann ist die Gebrauchsphase vorbei und dann entstehen heute Fragen um die weitere Nutzung, die Verwertung oder zumindest die schadlose Entsorgung – und da ist die Bilanz nicht mehr so gut.

Spielzeug wieder zu Spielzeug zu verarbeiten – geht das denn?
Das ist nicht einfach: Es wäre meist mit einem großen Aufwand verbunden, und deshalb nicht ohne weiteres ökologisch sinnvoll. Das Ziel wäre, zuerst einmal eine Verwertung in anderen Strömen der Kunststoffverwertung. Es gilt: Je länger existierendes Spielzeug im Gebrauch bleibt, umso besser. Die Nutzungsphase kann mittels Recycling verlängert werden. Langlebig und recycelbar – damit steht und fällt die Ökologie.

Woraus bestehen denn biobasierte Kunststoffe?
Sie bestehen ganz oder teilweise aus nachwachsenden Rohstoffen. Es gibt heute solche biobasierte Varianten von bislang immer erdölbasierten Massenkunststoffen wie PE, PP oder PET. Dazu neuartige Typen wie PLA oder Stärke-Polyester-Werkstoffe. Gewonnen werden sie aus Kohlenhydraten wie Zucker oder Stärke, auch aus Zellulose, oder aus Fetten und Pflanzen-öle. Es gibt viele Varianten, Rohstoffoptionen oder Prozesswege. Der Markt ist noch klein, vielleicht ein Prozent des Weltmarkts, aber sie erlauben CO2-Einsparungen in hohem Maß.

Haben diese Kunststoffe die für unsere Industrie notwendigen Produkteigenschaften?
Biobasiertes PE unterscheidet sich in nichts von „normalen“ PE, außer eben der Rohstoffherkunft und dem ökologischen Profil, gleiches gilt für alle sogenannten „Drop-In“ Biokunststoffe wie Bio-PP oder -PET. Wer sich auf die Suche begibt, wird fündig werden.

Ich schätze mal, Spielzeug aus biobasiertem Kunststoff ist teurer als das herkömmliche Produkt. Wie viel macht das im Schnitt aus?
Auf den Materialwert bezogen, läge der Aufpreis in der Größenordnung 30 bis 80 Prozent. Ein Spielzeug, das ein Kilo wiegt und normal 30 Euro kostet, kostet dann vielleicht 32, weil der Kunststoffpreis normal anteilig zwei bis drei Euro davon ausmacht, biobasiert also drei bis fünf Euro. Die Aufschläge im Produktpreis sind aber oft höher, weil jede Wertschöpfungsstufe bis in den Handel gewohnt ist, prozentuale Margen aufzuschlagen. Wenn Kunststoffe in Zukunft beispielsweise mit CO2-Steuern bepreist werden, kann sich der Mehrpreis erheblich verringern. Unsere Produktwelt hat unfaire Preise, bei der die Umweltfolgekosten – die Schäden beispielsweise durch den Klimawandel – nicht bezahlt werden. Zukünftige Generationen werden nicht mehr so billig davonkommen. Wir verschwenden so auch viele wertvolle Ressourcen.

 

Da wären wir bei den Wegwerfprodukten, in unserem Fall den Fast-Toys …
Das ist ein Reizwort für mich. Der wichtigste Aspekt der Nachhaltigkeit ist die Lebensdauer eines Produktes. Spielzeug für Generationen, das ist per se nachhaltig. Was gibt es Schöneres als Spielzeuge zu entwickeln, die ihren Wert behalten? Die schon bei ihrer Entstehung Probleme verhindern? Die man verschenken, vererben oder zumindest gut recyceln kann?

Wenn Sie den Status Quo in der Spielwarenindustrie hinsichtlich der Verwendung alternativer Kunststoffe beurteilen, wo stehen wir da auf der Skala von 1 bis 10?
Manche Unternehmen nahe bei null, andere schon sehr hoch, bei acht oder sogar neun. Klassische Hürden zu mehr Nachhaltigkeit sind die Verfügbarkeit und der Preis nachhaltigerer Kunststoffe. Viele herstellende Unternehmen aus der Spielwarenbranche haben noch zu wenig Informationen über Alternativen und keine Kontakte zu den Unternehmen, die biobasierte oder rezyklierte Kunststoffe anbieten. Nicht zuletzt deshalb wurde die bio!TOY Konferenz ins Leben gerufen. Sie soll den Dialog anstoßen, direkte Kontakte in der Lieferkette herstellen. Die Kunststoffindustrie braucht Signale, die Spielwarenwirtschaft sollte ihren Wunsch und Bedarf erklären.

Wer hat denn bei den Unternehmen derzeit die Nase vorn?
Die ganz großen Unternehmen Lego, Mattel oder Hasbro sind schon im Nachhaltigkeits-Boot – und viele kleine. Für Big Player sind die Herausforderung groß, das Sortiment ist komplexer und auch die Strukturen. Da tun sich kleinere Unternehmen manchmal leichter, sind schneller bei den Entscheidungen und Umsetzungen. Aber das sichtbar wachsende Interesse der Unternehmen macht mich zuversichtlich und froh.

Wie sind Sie eigentlich auf unsere eher kleine Branche aufmerksam geworden?
Den Anstoß gab Lego im Jahr 2015 mit einem Statement, nachdem alle Materialien und Verpackungen bis 2030 nachhaltig zu sein hätten, und die Lösung läge im Einsatz biobasierter oder rezyklierter Werkstoffe. Ich war schwer beeindruckt, wie ambitioniert und klar formuliert das alles war, es klang für mich nach „Wir haben verstanden und werden handeln“. Dabei hat Lego besonders große Herausforderung zu meistern, denn der dort verwendet Kunststoff ABS ist sehr leistungsfähig, und es gab damals keinerlei Drop-In Bio-Alternativen oder Rezyklate.

Wann begann in Ihren Augen der Umdenkungsprozess in Industrie und Gesellschaft?
Das ist noch nicht lange her. Der bisher kleine Kreis umweltbewusster Verbraucher wächst vor allem durch die Klimakrise stark. Auch werden Kunststoffe heute viel konsumkritischer betrachtet. Wirtschaft und Industrie erkennen solche Veränderungen und machen zunehmend Angebote. Das gilt für die Kunststofferzeuger wie für die Spielwarenhersteller und den Handel gleichermaßen.

Die bio!TOY Konferenz hat mit der Spielwarenmesse und dem DVSI zwei starke Unterstützer. Die Spielwarenmesse widmet sich mit „Toys go Green“ dem Thema und der DVSI hat in seinen Coffee Breaks die Diskussion angestoßen. Hilft das?
Das hilft ungemein, weil es unter anderem Aufmerksamkeit in den Medien und bei den Unternehmen erzeugt. Weil so auch der Handel eingebunden wird, der diese Produkte dann ja verkaufen muss.

Sie sagen es. Der „Green Point of Sale“ ist in aller Munde, nur weiß offensichtlich keiner so genau, wie er aussehen soll.
Ist das wirklich so schwierig? Handelsunternehmen können besonders nachhaltige Produkte beispielsweise auf einer Art „Insel“ in den Verkaufsräumen zusammenfassen. Oder zumindest wichtige Stichworte auszeichnen wie „aus nachwachsenden/rezyklierten Rohstoffen“, dazu Beispiele zeigen. So gelingt es, die Aufmerksamkeit der Konsumenten ein wenig zu lenken. Man zeigt gleichzeitig, dass man dran ist am Thema und Beiträge leisten will. Die Spielwarenmesse hat in ihrem Messekatalog Produktkategorien nach Nachhaltigkeits-Stichworten geschaffen, die bei der Auswahl helfen. Natürlich muss sich auch der Handel befassen und informieren. Ich sage immer: „Das Wollen ist der Schlüssel, das Können kommt dann automatisch.“ Jeder kann mitwirken an der nachhaltigen Entwicklung.

Ist das auch Ihr Leitsatz bei allem, was Sie tun?
Ich habe keine Lust, mich für unnütze und schlechte Dinge zu verwenden. Wir Menschen können ja oft wählen, das macht uns aus – und oft auch glücklicher. Weil wir große Probleme auf unserem Heimatplaneten verursachen, müssen wir spätestens jetzt die richtige Wahl treffen. Ich bin darüber informiert, also will – muss! – ich andere informieren und gute Lösungen unterstützen.

Da spricht der Enthusiast und Überzeugungstäter …
Ja. Aber alle Menschen suchen Anerkennung, Spaß und Sinn. Wer Biokunststoffspielzeug herstellt oder vertreibt, oder auch nur darüber informiert, fühlt sich besser.

Sie sind seit 30 Jahren mit Umweltthemen befasst, sind als Berater großer Unternehmen sehr gefragt. Bleiben Sie der Branche erhalten oder ist Ihr Engagement eine Stippvisite?
Mir gefällt die Schlüsselstellung der Spielwarenindustrie für die Zukunft: Sie adressiert Kinder und Eltern gleichzeitig. Dort entsteht die Zukunft. Spielzeug ist Mittel zum Lernen, ist Spaß und unmittelbare Lebenslust. So positiv! Wenn die Spielwarenindustrie erkennt, welche Sonderrolle sie in Sachen Nachhaltigkeit spielt, spielen kann, um spielerisch aufzuklären und nachhaltige Materialien einzusetzen, dann ist das ein Riesenschritt. Deswegen engagiere ich mich.

Ihr Schlusswort?
Machen Sie mit! Alle können spielend große Beiträge für eine gute Zukunft leisten.

Herr Dr. Käb, ich bedanke mich für das gute und aufrüttelnde Gespräch.

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